Random,TAK-Update

Robert Cristott: Corona-Tagebuch

Die Corona-Krise ist die größte Herausforderung für Solidarität seit dem zweiten Weltkrieg, sagt Angela Merkel. Für Kultur- und Ausbildungsbetriebe ist sie ein Kahlschlag. Was tun in einer existenziellen Situation? TAK-Schulleiter Robert Christott berichtet aus dem Inneren der Schauspielschule in Zeiten von Corona. 

19. bis 22. März 2020: Let´s go Online!

Die erste Woche der Corona-Krise liegt hinter uns

Puh. Eine Woche rum. Die Entwicklungen rund um die Cororna-Pandemie muss ich ja nicht rekapitulieren. Kurz gesagt: Es ist Sonntag der 22. März und wir sind so grade um die Ausgangssperren herum gekommen.

Die Woche verlief im Eiltempo. Jeden Tag haben wir in Videokonferenzen und unzähligen Telefonaten einen Online-Ausweichstundenplan erstellt. Tatsächlich haben wir das ehrgeizige Vorhaben, ab Montag nahezu alle Unterrichte zu den ursprünglichen Zeiten online zu beginnen. Wie lang die Sessions dann werden ist sehr individuell. Aber fast alle Dozent*innen haben ihre Inhalte so umgebaut, dass wir in eine zweiwöchige Testphase gehen können. Welche Unterrichte lassen sich bis zu welchem Grad digitalisieren? Mit dem Headset auf dem Kopf laufe ich durch die Wohnung, versuchen im Slalom nicht über Kinderspielzeug zu stolpern und irgend etwas fertig zu bekommen. Die nächste Woche muss im Büro in der Theaterakademie stattfinden!

Kera Till hat das ganz schön für das SZ Magazin illustriert.

Die Matrix der Heimarbeit unter Corona. Hoffentlich bleibt der Lockdown aus.

Die Matrix der Heimarbeit unter Corona. Hoffentlich bleibt der Lockdown aus.

 

Dort, wo es an die Grenzen stößt, sind wir erfinderisch.

Bei den Körpertrainings zum Beispiel. Taisoo, eine Bewegungslehre nach japanischem Vorbild mit Elementen des Butoh, lässt sich kaum online lehren. Wenn man das Prinzip ein wenig begriffen hat, kann man das zu Hause üben. Es gibt am Anfang bestimmte Patterns, die man auch alleine trainieren kann. Es ist aber nahezu unmöglich, dass den Erstsemestern aus der Distanz nahezubringen. Hier muss dieses Fach ersetzt werden durch ein effektives Trainingsprogramm wie im Gym.

Glücklicherweise ist Yoga und Bewegung an sich per Video nicht allzu Neues. Spannend wird es dann bei Chorsprechen oder Szenenstudium. Wir versprechen uns viel von Monologarbeit, Sprechen und Gesang in Einzelunterrichten. Auch Stückentwicklung oder Erzählen geht sicher am Anfang. Aber Ensemblesachen sind raus.

Wir wollen uns gewöhnen, weil wir es müssen.

Die erste Stunde Monologarbeit via Video läuft bei mir richtig gut. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir durch und ich habe das Gefühl, richtig etwas geschafft zu haben. Diese ersten Sessions sind ja auch vor allem Gespräche über die Auswahl, die Herangehensweise und Organisatorisches. Da könnte man auch telefonieren. Aber wir wollen uns ja daran gewöhnen, weil wir es müssen. Also her mit den Zoom-Konferenzen. Auch wenn ich nach einer Woche schon manchmal einen Video-Durchhänger habe.

Erste Versuche mit Online-Monologarbeit sind vielversprechend.

Um die Moral zu stärken machen wir auch große Gruppenmeetings. Am Montag beginnen wir alles mit einer gemeinsamen halben Stunde bei Zoom. Wenn alle da sind, kommen knapp hundert Menschen zusammen. In der Wochenmitte haben wir dann eine virtuelle Vollversammlung. Da schauen wir mal, was nach drei Tagen für ein Eindruck entstanden ist. Und am Ende der Woche kommt eine gemeinsame Meditation, die wir auch über die Facebookseite laufen lassen – für alle Freunde und Gäste zum mitmachen.

Unite Inside – ein neues Portal geht an den Start

A propos mitmachen: Die Schüler*innen sind wie immer schnell. Sie haben eine Initiative gegründet, die „Unite Inside“ heißt. Hier sollen Menschen zusammen gebracht werden. Ein interaktives Netzwerk, um sich kanalübergreifend gegenseitig zu erleben. Übrigens nichts TAK exklusives, sondern für jedermensch! Bei YouTube, Instagram und Facebook geht es los.

Der Fokus liegt grade sehr auf dem Shift in die Onlinesphäre. Natürlich schauen wir, was uns alles einfällt. Ich reaktiviere mein Netzwerk und starte einen Relaunch von Textlabor Köln, einer Schreibschule, die ich vor fünf Jahren gemeinsam mit einem Team von Kreativen gegründet habe. Ich kann noch keine Details verraten, weil es so frisch ist. Aber bald launchen wir dort ein neues Programm. Hier wird es zu finden sein.

Podcast: Interview via WhatsApp

Außerdem haben wir unsere erste Podcastfolge veröffentlicht, die wir via WhatsApp-Interview aufgenommen haben. Ist erstaunlich gut geworden vom Schnitt. Das bauen wir aus. In der aktuellen Folge erzählt Regieklassen-Regisseurin Nele Schillo, wie der Shutdown ihrer Inszenierung für sie so war. Nächste Woche dann hören wir zum gleichen Thema ihr Ensemble – ebenfalls interviewt via WhatsApp.

Und zeitgleich flattert eine Interviewanfrage des großen Kulturmanagement Network rein zum Thema Podcast in der Reihe „Digitale Formate“. Auch die Fachwelt scannt grade den Markt und ist auf uns gestoßen. Mal eine richtig schöne Nachricht. Das Interview kommt bald online.

Weniger schön sind die Gespräche über die Zukunft. Alle zu Hause heißt auch: keine Nebenjobs. Den Schüler*innen wird irgendwann das Geld ausgehen. Und die Politik verspricht, auch freie Bildungsträger in NRW zu unterstützen. Ich hoffe sehr, dass nächste Woche ein konkretes Paket dazu rauskommt.

Also dann auf in die erste Woche Online-Schauspielschule!

Drückt uns die Daumen und betet für okayes Wlan.


11. bis 18. März 2020: Wir sind für euch da!

Wie unsere Schauspielschule auf die Krise reagiert

Das Sommersemester 2020 hat eben erst begonnen. Was für eine Jahreszahl. Und in diesem runden Jahr haben wir eine besondere Herausforderung auf der Agenda, denn wir gründen ein Theater. Das ehemalige Theater am Sachsenring musste Ende 2019 schließen. Nach einem harten Fight mit anderen Bewerber*innen aus der Kölner Szene um die kleine wunderschöne Kellerbühne in der Kölner Südstadt konnten wir uns durchsetzen und sind seit Februar stolze Mieter*innen des Hauses.

Nachwuchsförderung steht ganz oben

„Wir“ sind in diesem Falle ziemlich viele Parteien. Der gemeinnützige Akademietheater e.V. ist Mieterin des Objektes. Dessen Zweck ist die Förderung von Kunst und Kultur. Insbesondere Theater und die Vernetzung junger Künstler*innen mit der Stadtgesellschaft. Und wie könnte man das besser machen als mit einem eigenen kleinen Spielort im Herzen des Kölner Südens? Weil Nachwuchsförderung für den Verein ganz oben steht, überlässt er die Durchführung des Vereinszweckes der Theaterakademie Köln. Genauer gesagt den Schüler*innen.

Yes, richtig gelesen. Wo andere Orte junge Schauspieler*innen auf die Bühne lassen, lassen wir sie auch davor, dahinter, darunter und drumherum. In der letzten Woche der Semesterferien hatten wir in einem Barcamp ein Leitungsteam gefunden. Diese sieben jungen Künstler*innen aus ganz verschiedenen Semestern der TAK hat die Aufgabe vor sich, ein Theater aus der Taufe zu heben. Und einen Namen bekam das Kind dann auch noch. Das Theater heißt nun BOX. Schlicht und einfach. Die Namensgebung erfolgte Minuten vor der Vollversammlung zum Semesterstart, jetzt würde alles seinen Gang gehen. Denkste.

Bitte kontaktarm arbeiten, viel Händewaschen, wir haben einen Hygienespender im Eingangsbereich angeschraubt. No Corona.

Inszenierung "Welcome to Hell" der Regieklasse 2020

Inszenierung „Welcome to Hell“ der Regieklasse 2020

 

Jetzt springe ich auf den Mittwoch, 11. März. Premiere der Regieklasse. Die Künstler*innen um Regisseurin Nele Schillo haben in halbes Jahr an einer Stückentwicklung gearbeitet. Dank der finanziellen Unterstützung der Jungen Theatergemeinde Köln konnten die Regieklassen der TAK in der Vergangenheit ihre Ergebnisse auf der für freie Spielstätten nahezu gigantischen Bühne des Orangerie Theaters präsentieren. Also wird aus einem Semesterschwerpunkt Theaterregie meist eine richtig fette Nummer.

Am Abend der Premiere von Welcome to Hell begrüßt man sich schon vor der Show mit dem Wuhan Shake. Noch ist das alles eher witzig gemeint. Aber die Stimmung wird langsam etwas angespannt.

Es liegt in der Luft, dass was kommt. Aber nach der gelungenen Uraufführung folgen Umarmungen und herzliche Glückwünsche mit Vollkontakt. Theatergepflogenheiten sind nun meist doch recht körperlich. Und Gewohnheiten sind bekanntlich schwer abzulegen. Dazu kommt das obligatorische „ach komm, trotz Corona…“. Das ist ziemlich dämlich.

Am Donnerstag dann kommt es langsam näher

Die Pläne, das öffentliche Leben wie in Italien und China einzuschränken, werden offen diskutiert. Wir sind entspannt: Bitte kontaktarm arbeiten. Viel Händewaschen. Wir haben einen Hygienespender im Eingangsbereich angeschraubt. Meine Mail zur aktuellen Lage ist verhalten optimistisch. Mit den Nachbar*innen müssten wir reden, weil wir jetzt viel mehr zum Lüften vor die Tür gehen müssten.

Dann Freitag der 13. Corona ist da. Die Landesregierung beschließt, ab Mittwoch alle Schulen zu schließen. Erste Reaktion im Team: Das betrifft uns natürlich auch. Ganz ohne Pathos ist allen klar, dass es hier um die Wurst geht. Denn wir werden nicht offen bleiben können, wenn die Schulbehörden den Schulbetrieb landesweit aussetzen. Am Vormittag ist noch Business as usual. Ja das kommt bestimmt, mal schauen was wir dann so machen. Aber so richtig vorstellen kann es sich keiner. Und das mögliche Ausmaß erst recht nicht. Am Nachmittag lacht keiner mehr. Der Gruppenunterricht wird ausgesetzt. Erlaubt ist noch Monologarbeit in 1:1-Situationen. Wir warten mal, was passiert.

Jetzt geht das Rechnen los.

Am Wochenende dann Klarheit: Schulen dicht, auch unsere. Die Behörden geben Rechtssicherheit, in dem sie dezidiert auch uns als anerkannte Berufsfachschule in freier Trägerschaft einschließt in die Anordnung. Alles zu, die Teilnahme an allen Unterrichtsaktivitäten ist ab Dienstag untersagt. Und jetzt überschlägt es sich. Denn die Fakten schaffen sich selbst. Alle machen dicht. Eine Mischung aus Angst vor Ansteckung mit Corona und Verantwortungsgefühl lässt alle schnell einsehen, dass die Ausbildungsbetriebe alle die Türen schließen müssen. Und kurz danach kommt die offizielle Anordnung. Bis voraussichtlich zum 19. April ist alles dicht.

„Wenn wir jetzt alles richtig machen, haben wir Ende des Jahres kein Problem mehr mit Rechtspopulisten.“

Jetzt geht das Rechnen los. Seit letztem Jahr haben wir eine Abendschiene. Das Schauspieltraining an der TAK. Das Format war dreißig Jahre am Comedia Theater angesiedelt. Jetzt ist es als Abteilung 2 das Schauspieltraining an der TAK. Es sollten im April drei neue Kurse beginnen. Daraus wird dank Corona erstmal nichts. Freitagabend läuft sogar noch ein voll besuchter Schnupperkurs. Und die Nachfrage ist riesig. Bloß bedienen werden wir sie sobald nicht können.

Erste Reaktion: Einrichten eines eCasting-Vorsprechens für das Wintersemester

 

In der Abteilung 1, der Diplomausbildung, schreiben wir uns seitenweise Mails. Das Dozent*innenteam berät, was man tun kann. Erste Überlegungen werden angestellt, Teile des Unterrichts online zu machen. Später im Verlaufe des Wochenendes sackt die Erkenntnis: Das wird bitter. Muss aber sein. Kampfgeist.

Ebenso klar ist: das kann scheitern.

Ich werde in eine Corona – Facebookgruppe eingeladen (Theaterschaffende & Corona-Krise – Ideen, Lösungen, Austausch). Als ich mein Thema vorstelle, finden sich schnell Interessent*innen. Am Montag haben wir eine Zoom-Konferenz mit ganz spannenden Menschen aus dem Bereich Schauspieltraining und -ausbildung. Von Freelancer*innen bis zur Akademie August Everding oder dem Wiener Volkstheater sind alle Ebenen dabei. Wir tauschen uns aus, sammeln Ideen und planen das nächste Meeting in einer Woche mit den ersten Erfahrungsberichten.

Tagsüber gibt es jetzt ganz neue Herausforderungen. Meine Frau betreut Teile des eLearnings an einer großen allgemein bildenden Einrichtung – keine leichte Aufgabe. Ich bin daheim mit den zwei Kindern. Wir müssen langsam eine Idee entwickeln, wie das die nächsten 5 Wochen funktionieren kann. Der Tag füllt sich rasant mit Telefonaten, Mails und Videokenferenzen. Keiner redet über Corona. Alle reden über Lösungen. Geil. Das Tool der Stunde ist Zoom, das muss ich wohl nicht erklären derzeit.

Tägliche Videokonferenzen werden wichtig.

Dienstagabend dann die große Dozent*innenrunde. Viele Teilnehmer*innen besprechen zwei Stunden einen Schlachtplan. Am Ende ist klar: wir wagen es und gehen in eine zweiwöchige Testphase, in der wir so viel wie möglich versuchen online zu machen. Ebenso klar ist: das kann scheitern. Also müssen wir versuchen, neue Ideen zu entwickeln und der Situation irgendwie auch etwas Positives abzutrotzen. Das Ende ist eines langen Tages doch erstaunlich motivierte Reise in die Nacht.

Viele Menschen tun viele kreative Dinge. Trotz oder wegen Corona.

Heute liegen die großen Klopper (NICHT Klopapier!) auf dem Tisch. Wie soll der Online-Stundenplan aussehen? Welche Tools nutzen wir? Was machen wir mit dem Diplomjahrgang, der eigentlich im Juli diplomiert vom Hofe reiten soll? Leitlinie ist die Motivation der Schüler*innen. Sie brauchen jetzt Kontakt, Kommunikation, Kompetenz. Neben den vielen Orgafragen und der existenziellen Struktur (Kredite? Kurzarbeit?) bleibt auch Raum für Kreatives. Für unseren Podcast beginne ich ein WhatsApp-Interview mit der Regieklassen-Regisseurin Nele. Parallel beschießt mich das Leitungsteam der BOX mit Fragen zur Planung der kommenden Spielzeit. Viele Menschen tun viele kreative Dinge. Das macht wirklich Mut. Fu#k Corona!

Neuer Podcast des ANALOG Theaters um Daniel Schüßler

Neuer Podcast des ANALOG Theaters um TAK-Dozent Daniel Schüßler

Natürlich stehen sehr viele Entscheidungen an jeden Tag. Aber der lange Bogen ist auch immer präsent: Wie lange wird das jetzt dauern? Wie können wir daraus lernen? Materialien sprießen aus dem Boden zum eLearning für Theater. Da ist sicherlich Potenzial. Seit Montag kann man bei uns im Format des eCastings vorsprechen. Prompt flattern Bewerbungen rein und Menschen schicken uns Demovideos. Diese rasche Anpassung ist erstaunlich und toll. Wir richten bei PayPal eine Spendensammlung ein. Denn die am härtesten betroffenen Kolleg*innen sind wie immer die Freien mit Familie. Erste Beträge werden überwiesen. Solidarität ist ganz aktuell und etwas Feines.

Kommunikationsangebote werden ausgiebig genutzt.

Und: Reden. Auf allen Kanälen posten wir Gesprächsangebote. Der Beitrag „Wir sind für euch da!“ auf der Webseite produziert pausenlos Telefonate, WhatsApp-Chats und Mails. Viel und anstrengend. Aber auch gut und toll und nah und persönlich. Denn irgendwas Gutes muss dran sein, dass wir grade alle zusammen fallen. Wenn wir uns jetzt alle festhalten.

Ich möchte mich bedanken.

Die Mitarbeiter*innen der TAK sind einfach außerordentlich. Die Solidarität untereinander, der Wille zum gemeinsamen Bestehen der Lage, die Hilfen untereinander – ich bin jeden Tag sehr gerührt. Danke, liebe Mitarbeiter*innen, danke liebe Kolleg*innen. Ihr macht einen wahnsinnigen Job in einer wilden Zeit. Das ist nicht selbstverständlich.

Und auch danke, liebe Schüler*innen. So viel Rückhalt tut gut. Auch und grade von den Absolvent*innen, die teilweise anrufen und fragen, ob sie helfen können. Wow. Danke!

Wie sagt ein Schauspieldozent heute im Telefonat: „Wenn wir jetzt alles richtig machen, haben wir Ende des Jahres kein Problem mehr mit Rechtspopulisten.“ Das ist doch auch ein schönes Langzeitziel.

Jetzt muss ich meine ersten digitalen Unterrichte vorbereiten. Und morgen um 8 ist die nächste Telefonkonferenz. Hoffentlich schlafen die Kinder dann noch etwas.

Wir schaffen das.