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„Seid mutig, enthusiastisch und fleißig!“ Wir stellen vor: TAK-Dozent Marcus Becker

Marcus Becker ist seit dem Sommersemester 2019 neu im Team der Fachgruppe Sprechen an der Theaterakademie Köln. Grund genug, ihm hier mal ein paar Fragen zu stellen. Wie er zu seinem Beruf des Sprechlehrers an der Schauspielschule kam und was ihm Mut macht, den schwierigen Schauspielberuf tagtäglich leidenschaftlich auszuüben, erfährst du im Kurzinterview im TAKBlog.

TAKBlog: Hallo Marcus, du bist ausgebildeter Schauspieler. Wie wird man Sprechtrainer und was fasziniert dich an der Stimmarbeit am meisten?

Marcus Becker: Meine Schauspielausbildung habe ich von 1981 – 1984 an der „Schule des Theaters Der Keller“ bei meiner sehr verehrten Lehrerin, Schulleiterin, Schauspielerin und Regisseurin Christiane Bruhn u.v.a. Lehrern und Lehrerinnen gemacht.

Stimm- und Sprechtraining hatte eine hohe Bedeutung in meiner Ausbildung und Frau Bruhn hat mir die Faszination vermittelt, was Stimme und Atmung, in Verbindung mit dem Körper emotional auf der Bühne bewirken kann. Das hat mich bewogen, mehr als 30 Jahre lang weiter an dem Thema zu forschen um den optimalen Einsatz der Stimme auf der Bühne und auch vor dem Mikrophon zu erreichen.

TAKBlog: Christiane Bruhn hat bis zu ihrem Ruhestand zehn Jahre lang an der Theaterakademie unterrichtet und eine Absolvent*innen-Generation deutlich geprägt. Für mich war ihre Arbeit geprägt von einem starken Bewusstsein für traditionelles Handwerk mit einem ebenso starken Drang nach Lebendigkeit, Heutigkeit, Transparenz und Wahrhaftigkeit. Die Arbeit mit ihr ist geprägt von AHA!-Erlebnissen. Verrätst du uns eines der Geheimrezepte für gutes Schauspiel, das Christiane Bruhn dir beigebracht hat?

Marcus Becker: Sie benannte wahrhaftiges Spielen mit dem Ausdruck „Offenporigkeit im Spiel“. Damit meinte sie, durch einen trainierten, entspannten Körper und genaue Kenntnis seiner zu spielenden Figur, Gefühle und Gedanken, also die Sinnlichkeit der Figur spüren zu lassen.

Christiane Bruhn Foto: Meier Originals

Christiane Bruhn Foto: Meier Originals

TAKBlog: Woran machst du fest, ob jemand Talent hat?

Marcus Becker: Nach meiner Auffassung ist es am wichtigsten, dass ein angehender Schauspieler Lust hat, sich zu präsentieren. Er sollte seine Persönlichkeit, Ausstrahlung und Emotion seiner zu spielenden Figur verleihen können. Das würde ich „Talent“ nennen. Dazu kommt aber genau so entscheidend Fleiß und Akribie in der Arbeit des Schauspielers.

TAKBlog: Und was hat bei dir überwogen: Talent oder Fleiß?

Marcus Becker: Ich denke, Talent war die Voraussetzung für die Ausbildung als Schauspieler. Aber nur mit Talent, ohne Fleiß und Training, hätte ich keine Chance im Beruf gehabt. Da das eine vom anderen abhängt, kann ich nicht sagen, was überwogen hat.

TAKBlog: Was hat dich dazu bewogen, eine Schauspielschule zu besuchen?

Marcus Becker: Nach 3 Jahren freiem Theater in der Laienspielgruppe „Plastisches Theater Köln“ bekam ich die Chance als Artist bei der Neugründung des Circus Roncalli 1980 (Köln Neumarkt)die 1. Spielzeit zu arbeiten. Danach wollte ich unbedingt Theater spielen und „musste“ zur Schauspielschule.

TAKBlog: Das klingt nach einem Traumjob. Was genau waren deine Aufgaben bei Roncalli?

Marcus Becker: Wir haben an der „Hängepersch“, einer senkrecht hängenden Stange, mit Ober-Mann (Walter Lindors) und mir als Unter-Mann, mit einer Doppelschlaufe an Kopf und Fuß oder beiden Köpfen verbunden, kreisende Figuren vollführt. Wegen der hohen körperlichen Belastung wurden Nachmittags- und Abendvorstellungen von 2 verschiedenen Unterleuten gespielt. Da die Arbeit als Artist nur in sehr jungen Jahren
möglich ist, war das für mich keine berufliche Perspektive.

TAKBlog: Was waren deine drei spannendsten Engagements?

Marcus Becker: „Waschtag“ von F.C.Delius (Auszeichnung zum besten Nachwuchsschauspieler im Jahresheft „Theater Heute“ 1988), „Die Geschichte von Paul und Paula“ von Ulrich Plenzdorf, „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett.

TAKBlog: Und was waren deine stärksten Einflüsse als Anfänger?

Marcus Becker: Als Schauspielschüler im Schauspiel Köln bei Jürgen Flimm in der „Dreigroschenoper“ den Reitenden Boten zu spielen und bei den Proben dabei sein zu dürfen. 1. Engagement im Grenzlandtheater Aachen „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams, Regie: Karl-Heinz Walter

TAKBlog: Das sind spannende Stoffe, ohne Frage. Kannst du erklären, was für dich an diesen Engagements das Besondere war?

„Waschtag“ war eine Uraufführung, in der es um 4 Nazi-Gefangene im Spandauer Gefängnis ging (Rudolf Hess, Albert Speer, Karl Dönitz und Baldur von Schirach). Ich spielte Rudolf Hess zwischen dem 35. Und 70. Lebensjahr, meine bis heute liebste Rolle. Paul in „Paul und Paula“ war meine erste Hauptrolle. Lucky in „Warten auf Godot“ war die größte Textherausforderung.

TAKBlog: Hier reden wir von den 80er Jahren. Wie hat sich der Beruf seit deiner Ausbildung verändert?

Marcus Becker: Meiner Meinung nach wird im Theater immer mehr in immer kürzerer Zeit „produziert“ statt kreativ gesucht und erfunden. Geschichten werden mehr in Bildern erzählt, statt das Publikum an emotionalen zwischenmenschlichen Vorgängen teilhaben zu lassen.

TAKBlog: Was würdest du dir daher für die Zukunft des Schauspielens wünschen?

Marcus Becker: Dass sie in Inszenierungen großen Wert darauf legen, mit ihren Figuren einen möglichst großen Umfang an emotionalen Befindlichkeiten und inneren Zuständen zu zeigen.

TAKBlog: Du sprichst von Emotionen und Innerlichkeit. Kann Schauspiel die Welt retten?

Marcus Becker: Wohl kaum, aber versuchen, Probleme aufzuzeigen.

TAKBlog: Und dann?

Marcus Becker: „Schau mer mal“, sagte mal ein bekannter Fußballer und wurde Weltmeister.

TAKBlog: Gute Antwort. Bleiben wir konkret. Wenn du deinen Schauspielschüler*innen ein Schauspiel-Notfallpaket schnüren müsstest, was wäre darin enthalten?

Marcus Becker: Ruhe – bei sich sein – Textsicherheit

TAKBlog: Also wieder eine Mischung aus Talent und Fleiß? Wie lernt man Ruhe und „bei sich sein“?

Marcus Becker: Das kann nur jeder für sich herausfinden.

TAKBlog: A propos herausfinden – was ist die Frage, die sich Schauspieler*innen vor Beginn einer Ausbildung unbedingt stellen sollten?

Marcus Becker: Hast Du Lust, Dich mit Deinen Emotionen vor Menschen zu zeigen?

TAKBlog: Und dein Wunsch an den Schauspielnachwuchs?

Marcus Becker: Seid mutig, enthusiastisch und fleißig!

Die Gelehrten Frauen - letzte Inszenierung von Christiane Bruhn (zusammen mit Janosch Roloff) für die Theaterakademie KölnDie Gelehrten Frauen - letzte Inszenierung von Christiane Bruhn (zusammen mit Janosch Roloff) für die Theaterakademie Köln

Die Gelehrten Frauen – letzte Inszenierung von Christiane Bruhn (zusammen mit Janosch Roloff) für die Theaterakademie Köln

TAK: Wir sprechen viel über Mut in der Ausbildung. An der Fassade der TAK hängt ein Banner mit dem Aufruf „Nur Mut!“. Was macht dir Angst in diesem Beruf und woher bekommst du den Mut, ihn weiter auszuüben?

Marcus Becker: In jeder neuen Inszenierung nicht zu wissen, wie man die Premiere je schaffen soll und dass man immer wieder von vorne beginnen muss. Mut bekomme ich, indem ich in den Proben alles ausprobiere und darauf vertraue, dass am Ende vieles doch gelingt.

TAKBlog: Und am Ende noch drei schnelle Fragen. Film oder Theater?

Marcus Becker: Kommt drauf an…

TAKBlog: Fest oder frei?

Marcus Becker: Kommt drauf an…

TAKBlog: Kaffee oder Tee?

Marcus Becker: Kommt drauf an…

TAKBlog: Ja, das kommt es wohl. Welche Frage haben wir vergessen, dir zu stellen und was ist die Antwort?

Marcus Becker: Warum tut man sich diesen Beruf an, in dem man viel persönliche Energie einsetzen und
immer wieder die Stadt wechseln muss, immer wieder die Unsicherheit hat, nicht zu wissen, wie es weiter geht und dabei noch in der Regel relativ wenig verdient?

Meine Antwort: Weil es Freude macht, Geschichten zu erzählen und Menschen dadurch bewegt und
berührt werden.

TAKBlog: Vielen Dank für das Interview!

 


Marcus-Alexander Becker

Ausbildung:

1980 Akrobatische Ausbildung und Auftritt im Zirkus Roncalli
1981-84 Schauspielschule des Theaters DER KELLER Köln

Auszeichnung:

Bester Nachwuchsschauspieler im Theater des Jahres 1988 in „Theater Heute“ (Jahresheft)

Theater (Auswahl)

1983-2000 Schauspielhaus Köln, u.a. Dreigroschenoper (Abschlussklasse)
Westfälisches Landestheater Castrop Rauxel, Francoise Villon
Ruhrfestspiele Recklinghausen 1989, „1789 – Joseph Fouché“
Kinder- und Jugendtheater Essen, „Geschichte vom Onkelchen“, Brossner
Rheinisches Landestheater Neuss, 2 Jahre u.a. „Schule mit Clowns“,
F.K. Waechter – „Die Geschichte von Paul und Paula“ Plenzdorf –
„Figaros Hochzeit oder Ein toller Tag“, Beaumarchais
Stadttheater Maastricht, „Die Geschichte vom Soldaten“ Igor Strawinsky
Wolfgang Borchert Theater Münster, „Waschtag“ F.C. Delius
Tournee mit „Waschtag“ durch 30 Städte in den Niederlanden
Grenzlandtheater Aachen, u.a. „Endstation Sehnsucht“ T. Williams – „Von
Menschen und Mäusen“, J. Steinbeck – „Ein Sommertag“, S. Mrożek
„Raub der Sabinerinnen“, Gebr. Schönthal
Speicherstadt Hamburg, „Der Drache“, J. Schwartz
Agrippa Theater Köln „Warten auf Godot“, S. Beckett

Film und Fernsehen (Auswahl)

Soldat im 2. Weltkrieg in „Krücke“, Regie Jörg Grünler (DEFA 1991)
Lösegeld-Erpresser in „Losberg“, Regie Karin Hercher
Penner in „Pennergeschichten“, Regie Jörg Grünler
Musiker in „Stocker und Stein“, Regie Stefan Bartmann
Fußball-Trainer in „Ignaz, der Gerechte“, Regie Karin Hercher
Spieler in „Spielergeschichten“, Regie Celino Bleiweiß
Autoschrott-Händler in „Auto Fritze“, Regie Rolf von Sydow
Bodyguard in „Projekt Aphrodite“, Regie Stefan Bartmann
Agent Radovan in „SK-Kölsch – Du sollst nicht stehlen“, Regie Holger Barthel (SAT1 1999)
Braun in „Die Todesgrippe von Köln“, Regie Christiane Balthasar (SAT1 2000)
Olaf Bohrmann in „Gefesselt“, Regie Donald Kraemer (RTL 2000)
Gefährlicher Kellner in „Oi Warning“ Regie: Ben&Dom Reding (Kino, 2001)
Polizist in „Dachschaden“ Regie: Hanno Brühl (WDR, 2001)
Kommissar in „Herz“ Regie: Horst Sczerba (2002) – Kino
Episodenrollen in „Tatort“ „Eurocops“, „Die Wache“, „Felix“, „Forstinspektor Buchholz“,
„Der Clown“, „Der Fahnder“, „CityExpress“, „Balko“, „Unser Charly“ (1993-2007)
„Muttertag“ Regie: Katharina Tillmanns (2006) – Kino
„Mordshunger“ Regie: Robert Pejo (2007) Fernsehfilm
„Erich Maria Remarque“ Regie: Hanno Brühl (2007) Dokumentarspiel

Seit 1997 Sprech- und Stimmerzieher in Seminaren für Präsenzveranstaltungen an verschiedenen Hochschulen: Uni Köln, Finanzhochschule des Bundes Münster, Uni Tübingen, Fachhochschule Plessow/Berlin, Hochschule des Bundes Brühl.
Coaching für Vorsprechen an Theatern sowie regelmäßige Beschäftigung bei Hörspiel , Voiceover- und Synchronsprechen.


Marcus Becker über seine Arbeit:

Jeder Mensch hat eine eigene, individuelle Stimme, die Ausdruck seiner Persönlichkeit ist. Häufig
wird sie durch Stress, Druck, Ängste und Unsicherheit, oft schon in der Pubertät, gestört und
fehlgeleitet. Für Schauspieler, vornehmlich auf der Bühne, aber auch vor dem Mikrophon ist es notwendig, den
richtigen Sitz ihrer Stimme zu finden und so zu trainieren, dass die Resonanzen des Körpers die
Stimme tragen und versenden können. Atmung, Körper und Stimme sind untrennbar miteinander
verbunden und in Einklang zu bringen.

Resonanzen in alle
Richtungen

In einem entspannten, ausbalancierten Körper muss die
Atmung tief und ruhig sein, unterstützt durch das Zwerchfell und einen offenen Hals, und die
Stimmbänder und darüber den Kehlkopf zum Schwingen bringen. Erst so kann der gesamte Körper
mit seiner Knochenstruktur, seiner Flüssigkeit und seinem Fleisch die Resonanzen in alle
Richtungen versenden und die Luft zum Schwingen bringen. Der Mund, das „Werkzeug“ der
Artikulation, schickt den Ausdruck der Sprache zum Empfänger. Nur durch tägliches Training kann
erreicht werden, dass die verschiedenen Köperelemente zusammenarbeiten und so automatisiert
werden und ins körperliche Gedächtnis (sense memory) eingehen, dass der Schauspieler sich seiner
Rolle widmen kann. Im Idealfall wird durch kluges Denken der Figur und des Textes die Emotion
durch den Körper und seine Stimme getragen. 

Die Fragen stellte Theaterakademie Köln Schulleiter Robert Christott.

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